Pazifik mittendrin (3 Wochen auf See)

Wenn man mit einem Boot wie der ZIG ZAG eine Strecke zurücklegt, dann ist die Geschwindigkeit dabei die eines Fahrrads. Und zwar ein nicht sehr schnelles Fahrrad. Eher die Art von Geschwindigkeit wie zwei-nette-Tanten-machen-einen-Sonntagsnachmittagsausflug oder warum-habe-ich-mein-Pedelec-nicht-aufgeladen oder hat-mich-wirklich-gerade-eine-Wanderbaustelle-überholt-Geschwindigkeit. Gemütlich. Bisschen Rückenwind. Zeit für ein Schwätzchen unterwegs. Das ist unsere Geschwindigkeit. Wir haben zwei Vorteile gegenüber einem Fahrradfahrer: Erstens fallen wir nicht vom Fahrrad wenn wir einschlafen was Fahrradfahrer in dem Fall für gewöhnlich zu tun pflegen. Statt dessen legen wir uns unter Berücksichtigung der üblichen Sicherheitsvorkehrungen wie Radar- und AIS-Warnsystemen recht simpel schlafen. Zweitens müssen wir nicht einen exakten Weg einhalten sondern eine grobe Richtung. Wenn wir sagen wir sind in den letzten Stunden 30 km in die falsche Richtung gefahren ändern wir die Einstellung des Autopiloten und spielen weiter mit den Kindern Spitz-pass-auf. Ist man auf einer Fahrradtour in den letzten Stunden 30 km in die falsche Richtung gefahren dann ist man besser nicht derjenige der die Karte hatte. In den letzten Tagen haben wir etwas an Tempo dazu gewonnen und nun fahren wir 7 statt 6 Knoten, das sind knapp 13 Kilometer in der Stunde. Dieser Geschwindigkeitszuwachs kommt vom Südost-Passatwind, einem beständigen Wind welcher etwas südlich des Äquators von Ost nach West pustet und der auch eine Strömung verursacht die recht nett schiebt. Der Südostpassat ist ein recht praktischer Wind und ich nennen ihn aus folgenden Gründen gerne Zahnrad-Wetter: In der Mitte des Südpazifik, irgendwo zwischen Neuseeland und dem Südamerikanischen Kontinent (vielleicht bei den Osterinseln) existiert ein Hochdruckgebiet. Das ist fast immer da. Dieses Hochdruckgebiet dreht andersherum als eine Uhr, Zeiger rückwärts, und treibt Wind an. Unten im Süden des Hochdruckgebiets schiebt es den Wind von West nach Ost (bzw. von 7:00 Uhr nach 5:00 Uhr um im Bild zu bleiben). Im Norden des Hochdruckgebiets, etwas unterhalb des Äquators, schiebt es den Wind von Ost nach West (1:00 Uhr nach 11:00 Uhr). Das ist das untere Zahnrad. Oberhalb des Äquators gibt es ein weiteres Zahnrad bzw. Hochdruckgebiet, zwischen Asien und dem Nordamerikanischen Kontinent, welches sich, da es sich auf der Nordhalbkugel befindet, MIT der Uhr dreht, Zeiger vorwärts. Im Norden schiebt es Wind von West nach Ost (11:00 nach 1:00 Uhr) im Süden, also etwas oberhalb des Äquators schiebt es von Ost nach West (5:00 Uhr nach 7:00 Uhr). Beide Zahnräder greifen ungefähr auf Höhe des Äquators ineinander, verwirbeln ein bisschen und hinterlassen etwas so praktisches wie den Südost-Passat in dem wir uns gerade befinden. (Das in Europa recht bekannte Azorenhoch ist übrigens dasjenige Hochdruckgebiet welches das „obere“ Zahnrad auf dem Nordatlantik befeuert). Wo wir schon über den Äquator sprechen: Wir haben ihn überquert. Irgendwo westlich der Galapagos Inseln (genau: auf 103° West). Dann sind mehrere Dinge passiert: Zum Einen sind auf dem GPS alle Zahlen gleichzeitig auf Null gesprungen, das erhabene Gefühl dabei entspricht ungefähr dem von Silvester: Es passiert rein gar nichts Besonderes. Jedoch kurz darauf klopft und poltert es laut am Rumpf und König Neptun kommt zur Äquatorüberfahrt uns besuchen. Mia hat dann von König Neptun eine Taucherbrille geschenkt bekommen sowie auch Ermahnungen abends vorm Einschlafen auf die Toilette zu gehen dann braucht man ja bald keine Schlafpampers mehr. Noah hat Kekse und eine Konservendosenrassel bekommen sowie auch Ermahnungen die Mama einmal nachts durchschlafen zu lassen und nicht alle 2 Stunden trinken zu wollen. Irene hat ein Snickers bekommen sowie auch Ermahnungen immer lieb zum Captain zu sein. Außerdem wurde sie ordentlich mit Rasierschaum eingeseift und durfte sich diesen mit einem kleinen Spielzeugeimerchen wieder abrasieren. Da ich unter der Dusche stand habe ich von diesem königlichen Gemache und Getue rein gar nichts mitbekommen. Neptun kam dann jedoch auch zu mir ins Badezimmer und sagte was für ein ausgesprochen netter Bursche ich wäre. Außerdem hatte er ein Eimerchen Rasierschaum für mich dabei und so konnte ich mich direkt rasieren. Einen weiteren netten Moment bescherte uns die Crew des Segelboots Aislado. Die neuseeländische Crew, mit denen wir zusammen in Panama gestartet sind haben es endlich geschafft uns einzuholen und haben uns in Sichtweite passiert. Ganz anders als das doch etwas leere Gefühl von Silvester wenn die Zahlen umspringen wird einem beim Anblick eines Segelboots warm ums Seglerherz, zumal wenn das letzte gesichtete Boot schon fast zwei Wochen her und obendrein nur ein oridinäres Motorschiff war. Außerdem ist die Aislado unser Buddy-Boat (wenn sich Bootscrews anfreunden und Streckenweise zusammen unterwegs sind nennt man das Buddy-Boating). Aislado funkte und winkte und raste mit gespritztem Kielwasser gen Sonnenuntergang. Den letzten größeren Gegenstand den wir hier draußen gesichtet haben, menschengemacht, war ein schwimmender Maurerhelm, blau, schwarzes Futteral, ohne Maurer. Wir ließen ihn gehen. Noah hat gestern sein drittes Zähnchen bekommen, Schneidezahn oben rechts. Oben links kommt vor der Ankunft auch noch so wie es aussieht. Heute gibt es also Zähnchenkuchen (nicht aus Zähnchen aber ich erklär es jetzt nicht!). Und Mia spielt immer Kindergarten bzw. Segelkindergarten. Sie würde gerne Fahradfahren lernen. Vielleicht packen wir auf den Marquesas mal das Laufrädchen aus und fangen einfach an. 🙂 Es sind ja nur noch 1058 Seemeilen Wasser vor uns, knapp 2000 Kilometer entsprechend der Luftlinienstrecke von Kopenhagen nach Mallorca. Beim aktuellen Tempo könnten wir diese Strecke in 6,5 Tagen schaffen (ein weiterer Unterschied zur „Fahrradgeschwindigkeit“: es wird nonstop gefahren), wir würden dann am 29.Juni. die Marquesas erreichen. Bis dahin möchte ich auch gerne endlich mal einen Fisch fangen. Angebissen haben bereits einige, aber entweder waren sie so clever sich vom Köder loszureißen oder sie haben den Köder direkt mit lautem Getöse von der Schnur gerissen, Fersengeld gebend. Jetzt habe ich Köder und Schnur, Rute und Rolle noch einmal neu abgestimmt in Fischfilet-freudiger Erwartung und einem gesunden Appetit. Meine Zeit wird kommen!

4 Gedanken zu “Pazifik mittendrin (3 Wochen auf See)

  1. Ja der Neptun vermag so manche Überraschungen zu bringen. Aber alles ist gut. Ihr kommt klar und es geht weiter auf eurer Abenteuerlichen Reise.Ich vermisse trotz allem eurer Berichte Dich IRENE
    .Die Solferino Zeit ist wieder da. War das eine Tolle Zeit. Alle lieben Gedanken auch ein bischen mit Sorgenfalten sind bei Euch.4. Weiter gute Fahrt

  2. Ihr lieben, wenn wir das so lesen dann würden wir am liebsten nach trinidad zurück, die kali mera ins wasser hinein und euch hinterher. Aber in ein paar monaten wird genau das passieren und wir werden in jedem Atoll nach euch Ausschau halten (und dann als erstes dem georg das fischen beibringen). Bis dahin verbringen wir den Sommer hier in ungarn und denken immer wieder an euch. Alles liebe und noch weiterhin eine gute Reise tadeja und herbert

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