Maupihaa 02.-08.10.2016

Unglaublich, dass unser Aufenthalt in diesem letzten Atoll in Französisch-Polynesien schon 3,5 Jahre her sein soll. Noch unglaublicher ist es, dass wir euch noch nicht an unserem Glück von damals teilhaben lassen. Die Fotos sind schon 2 Jahre hochgeladen, doch die Fertigstellung des Berichtes ist mir nie leicht gefallen, denn die Worte werden unseren Erfahrungen und Gefühlen, die wir mit der Zeit verbinden nicht gerecht. Also schrieb ich damals und hatte immer das Gefühl, der Bericht wäre nicht vollständig, es fehle etwas. Hab’s nie veröffentlicht. Dann ist es in Vergessenheit geraten. Doch die Erinnerungen sind zu wertvoll, es war so schön und auch wenn es lange her ist, möchten wir euch diesen wundervollen Teil unserer Reise nicht vorenthalten. Seht selbst: Bilder sagen mehr als 1000 Worte…reist mit uns in die Vergangenheit und wir hoffen auch euch erwärmt es das Herz und ihr könnt unser damaliges Glück ein wenig nachempfinden:

Nur eine Nachtfahrt von Maupiti, die wunderschönen kleine Insel nach Bora Bora im Herzen von Französich- Polynesien entfernt befindet sich Maupihaa.

Maupihaa oder auch Mopelia ist das letzte kleine Atoll auf unserer Strecke, das zu Französisch-Polynesien gehört, 120 Seemeilen von Bora Bora entfernt. Das Atoll hat einen Durchmesser von etwa 8 km so wie eine Landfläche von etwa 2,6 km² auf. Es liegt fernab jeglicher Zivilisation, es wird zwei bis drei Mal im Jahr mit einem Versorgungsschiff angefahren; so kommen Vorräte auf die Insel und es verlassen viele Säcke mit auf der Insel produziertem Kopra (getrocknetes Kokosnussfleisch) das Atoll. Im Jahr machen ca. 50 Segelboote hier Halt. Der Pass ist ähnlich wie bei Maupiti nur bei besonders ruhigem Wasser passierbar. Nach einer Nachtfahrt von Maupiti kommend, konnten wir das Atoll am Horizont erahnen. Zum Schluss noch ein Ringatoll mit vielem flachen Motus (erinnert ihr euch noch? Motos = kleine Sandinseln) ohne Berg in der Mitte. Wir waren sehr gespannt wie uns der Pass erwarten würde. Er ist wirklich sehr schmal, doch er war deutlich zu erkennen und ich (!) habe recht easy hindurch manövrieren können. Ich war in dem Fall wirklich ich = Irene. Dabei überlasse ich solch spannende Steuermanöver eigentlich lieber Georg. Man sagt über den Pass: ‚this pas devides a man from a boy‘; da bin ich doch tatsächlich ein echter Kerl:-)

Im Atoll lag nur ein anderes Schiff. Wir schlängelten uns an Korallenköpfen vorbei bis wir den Anker vor der Hauptinsel haben fallen lassen. Was eine schöne und einsame Kulisse! Am Strand sah man einen Tisch und eine Bank, eine Grilltonne, eine Handdrehradbootshebeanlage und wir gönnten uns erst einmal ein leckeres Frühstück mit Böhnchen und Rührei. Über die Krümel freuten sich dann 4 Schwarzspitzen Riffhaie und der eine Ammenhai, die uns direkt am Ankerplatz besuchten.

Täglich konnten wir bis zu elf Schwarzspitzenriffhaie und drei Ammenhaie füttern. Es sollte außerdem noch Greysharks geben, die als etwas gefährlicher gelten, doch wir haben im gesamten Atoll keinen gesehen, dafür aber jede Menge Stachelrochen, Adlerrochen und eine Schildkröte genauer gesagt zwei, dazu später mehr. Die Schwarzspitzenriffhaie waren unsere Hühnchen im Vorgarten, nur das man nicht mit Hühnchen schnorcheln geht.

Auf Maupihaa selber leben 19 Menschen; 9 Frauen und 10 Männer von denen wir 9 kennengelernt haben; 7 Herren und Adrienne und Faimano, doch die Damen versicherten mir, dass es wirklich mehr von ihrer Gattung gäbe:-)

Und so lernten wir auf diesem schönen Fleckchen Erde die wundervolle Familie Raroia, ihr Leben und ihre Insel kennen:

Erster Landgang; mit dem Dingi in Richtung Strand, Tisch und Bank. Es war Sonntag und es begrüßten uns Marcello, seine Frau Adrienne und Faimano, ihre 28-jährige Tochter. Gleich wurde uns eine Trinknuss angeboten und während wir diese vor uns hin schlürften, tauschten wir uns etwas über unsere Leben aus. Dann schlenderten wir am Strand entlang, sammelten ein paar Muscheln und machten einen Ausflug durch die Palmen auf die andere Seite des Motus; dort fanden wir einen tollen Ministrand mit Pudersand und blieben spontan zum Plantschen. Faimano hatte erzählt, dass Sie des Öfteren auf diese Seite lief, um Wale zu sehen und auch wir hatten zum dritten Mal in Französisch-Polynesien das Glück die Ozeanriesen zu bewundern. Gleich hinter dem Riff zogen 2 von ihnen vorbei. Streckten ihre Schwanzflossen in die Luft, prusteten Wasser durch ihre Blaslöcher und ihr tiefbrummender Ton ertönte.

Später lernten wir auch Hio, den nur ein Jahr älteren Bruder von Faimano kennen, die beiden haben noch zwei weitere Schwestern, die auf anderen Inseln in Französisch-Polynesien leben. Faimano ist hier in Maupihaa die ersten 6 Lebensjahre aufgewachsen, zur Grundschulzeit ist die ganze Familie ein paar Jahre in Maupiti gewesen, dann sind die Kids nach Raiatea zur Schule gegangen und ihre Eltern; Adrienne und Marcello wieder zurück nach Maupihaa. 2011 ist Hio und ein Jahr später auch Faimano wieder zurück auf die Insel gekommen. Ob sie bleibt, weiß sie noch nicht, sie arbeitet aktuell für die Kommune in der Herstellung von Kopra (was anderes kann man in Maupihaa auch nicht machen) und muss sich jetzt bald entscheiden, ob sie um Vertragsverlängerung bittet oder ihrem Gedanken an eine Biologiestudiums folgt.

Mama Adrienne (53) ist seit 4 Jahren nicht von der Insel runter gewesen. Sie hält sich erfolgreich fit durch die Kobraproduktion und der eigene Anbau von Salat, Gurken, Stangenbohnen, Paprika, Papaya und inzwischen auch von Brotfrucht; stolz berichtete Marcello, dass der Baum im dritten Jahr jetzt schon zwei kleine Früchte zeigt.

Wir hatten einen kurzen Stopp hier geplant; vielleicht so zwei, drei Tage. Doch dieses Vorhaben haben wir gerne, bewusst und mit voller Überzeugung verlängert.

So herzlich und persönlich willkommen geheißen wurden wir bisher noch nirgendwo. Nach unserem ersten Spaziergang wurden wir mit unfassbar hübschen Muschelketten behangen; maßgeschneidert, zwei kleinere für Noah und Mia und zwei größere für Georg und mich. (Lino gab es ja noch nicht.) Wir fühlten uns geehrt! Die Familie wirkte so einfach, zufrieden und glücklich, insbesondere auch darüber mal wieder Kinder auf der Insel erleben zu können. Es ergab sich ein tägliches Miteinander, ein täglicher Austausch, ein tägliches gemeinsames Speisen. Meist am Strand, wenn es mal später wurde und das Licht des Mondes nicht ausreichte, wurde eine Lampe in die Palme gehangen, das Kabel bis zur Motorhaube des einzigen Autos der Insel geführt, Motorhaube auf, Kabel an die Batterie geklemmt und schon war die Beleuchtung sichergestellt. Einmal holten wir Adrienne, Marcello und Faimano auch per Dingi zum Abendessen auf die ZIG ZAG ab. Was ein geselliger und kulinarisch genussvoller Abend; niemals werde ich den Geschmack des auf den Salat geraspelten Palmenherzens vergessen, so saftig, süßlich lecker! Unser erstes Coer de Coco. Wirklich richtig köstlich war aber auch die gekochte Kokosnusskrabbe am Strand. Georg hatte davon erzählt, dass er gemeinsam mit einem anderen Segler einmal erfolglos versucht hatte eine zu fangen. Das ließ sich Marcello nicht zweimal sagen und die Familie hatte sie mit einer Falle gefangen und uns zunächst lebendig ‚vorgeführt’, bevor sie in den Kochtopf wanderte. Ganz schön beeindruckend wie sie mit ihren Scheren angriffslustig auf einen zurast.

Unvergesslich war allerdings auch folgendes Miteinander: Ich glaube es war der erste Abend für uns und der letzte für die Crew des anderen Schiffes, wir saßen alle zusammen mit Familie Raroia am Strand. Die Grilltonne brutzelte, wir hatten einen Salat mitgebracht und Marcello grillte und präsentierte Fisch und Fleisch. Alle nahmen sich, aßen und während ich mir dachte, oh krass sie teilen mit uns ihr gefrorenes Schweinefleisch ohne zu wissen, wann das nächste Versorgungsschiff genau kommt…hörte ich immer wieder das Wort Tortuga, Tortuga….da wurde mir ganz schön anders…wir aßen aufgetautes und gegrilltes Schildkrötenfleisch (das war unsere erste Schildkröte im Atoll)! Sie sahen wie entsetzt ich war und sie erzählten, dass sie für alle Bewohner des Atolls im Jahr eine Schildkröte fangen und schlachteten. Es wirkte nach und wir diskutierten über das Essen von Schildkrötenfleisch und nach ein paar Stunden und einer Nacht Schlaf musste ich zugeben, dass ich meine Meinung etwas angepasst bzw. spezifiziert hatte: ich denke auf einem Atoll wie Maupihaa, wo es keine Schweine, Kühe, Rinder, Schafe und Co gibt, da, wo eben Fische und Schildkröten vor der Türe leben, da glaube ich inzwischen ist es ok, wenn jährlich eine Schildkröte zu Nahrungszwecken geschlachtet wird.

Wir machten im Atoll einen Ausflug zu einer Vogelinsel. Unterwegs konnten wir vom Dingi aus Rochen und Haie sowie riesen Vogelschwärme entdecken. Letztere flogen über die unzähligen flachen sandigen Motus, wovon wir uns eines zum Anlanden aussuchten. Wir schlängeln uns langsam durch das Riff und nähern uns dem flachen Ufer, huch da schoss wieder ein kleiner Hai an uns vorbei. AUSSTEIGEN! Das Wasser wurde zu flach, ein Kind nach dem anderen trugen wir an Land, das Dingi ankerten wir. Für den heutigen Tag hatten wir das volle Programm eingepackt; Picknickdecke, Sandspielzeug und natürlich die Kamera.

Überall schwirrten Vögel in der Luft und auch auf dem Strand saßen sie in großen Gruppen und vor den knorrigen Gebüschen versteckten sich Mamas mit ihren Küken. Wir sammelten ein paar Muscheln, spielten im Sand und bei der Motubegehung entdeckten wir viele Nester, brütende Vögel, soeben geschlüpfte welche und auch einige Eier. Das war Biologieunterricht vom Feinsten. Hoffentlich wird sich zumindest Mia noch dran erinnern, wenn sie größer ist.
Super gefallen hatte uns auch der Ausflug per Dingi bis zum Kopra Abbau Gebiet der Familie. Marcello, Adrienne und Faimano zeigten uns ihre Arbeit; erklärten uns die einzelnen Arbeitsschritte und ließen uns auch mal probieren. Sie hatten einen Ofen, indem sie das Kokosnussfleisch austrockneten und das alles lag direkt an einem wunderschönen Strand, an dem Mia und Noah plantschen und im Sand spielen konnten. Adrienne zeigte uns wie sie das Palmenherz einer Palme herausbekam; dafür musste die junge Palme sterben, doch sie hatten wirklich sehr viele von ihnen.

Adrienne hatte am 7.10. Geburtstag und auch, wenn wir eigentlich nur ein, zwei, drei Tage bleiben wollten, beschlossen wir noch mit ihr zu feiern und ihr einen gewünschten Schokoladenkuchen zu backen. Sie backte einen Zitronenkuchen, den wir seitdem auch immer mal wieder in den Ofen schieben. Was ein kleines Fest; nur sie und wir. Alle hatten Spaß, es wurde lecker gegessen, gesungen und gelacht. Mit einem XYXXY Gerät, ihr ‚Draht‘ zur Außenwelt, bekam Adrienne Geburtstagswünsche von ihren anderen beiden Töchtern übermittelt. Sie freute sich sehr, die Stimmen ihrer Kinder zu hören. Marcello hängte sein Ohr eigentlich jeden Abend mal an den Empfänger. Dann lag er auf einer Holzbank und drückte sich den Lautsprecher auf das Ohr. Heute Abend allerdings galten die Worte und das Lied Adrienne und anschließend wurde es wieder weggeräumt und weitergefeiert. Mia und Noah tanzten auf dem Tisch und Adrienne und Faimano liebten es den Kids französische Kinderlieder zu singen. Sie bastelten kleine Windräder aus Palmenblättern, aber auch Vögel, Hüte, Brillen und Armbänder. Nach dem Geburtstagabend beschlossen wir noch einen Abschiedsabend zu zelebrieren und dann kam der Tag der Verabschiedung. Ein Abschied von unbeschreiblich herzensguten Menschen. Sie waren unser absolutes menschliches Highlight in ganz Französisch-Polynesien. Wir waren uns in dieser einen Woche so nahegekommen und die Einfachheit und Zufriedenheit ihres Lebens imponierte uns.

Maupihaa, der Ort, an dem wir zum ersten Mal den Geschmack einer reifen Papaya lieben lernten, wo wir unsere erste Kokosnusskrabbe testeten, leider auch unser erstes Schildkröten Kotelett verspeisten und wahrscheinlich köstlichste Palmenherz der Welt serviert bekamen. Liebe geht durch den Magen. Familie Raroia und ihre Art zu Leben war unser menschliches Highlight der bisherigen Reise. Ich werde niemals das zunächst zurückhaltende freundliche Lächeln dieses recht kräftig gebauten, nicht besonders großen Mannes vergessen, der mit seinem komplett durchlöcherten, quasi zerrissenen T-Shirt auf der Holzbank am Strand saß als wir mit unserem Dingi angefahren kamen. Zu gern würden wir wissen, wie es ihnen geht, ob sie immer noch in ihrem kleinen Reich wohnen, ob Faimano ihrer Idee des Studiums gefolgt ist oder mit ihrer Mutter immer noch täglich hunderte Kokosnüsse öffnet und sie abends gemeinsam an ihrem Strand sitzen und unter sich oder mit anderen Seglern frisch gefangenen Fisch, Lobster und Kokosnusskrabben speisen.

Irgendwann werden wir mal wieder versuchen ihnen eine Nachricht auf ihr Satelitentelefon zukommen zu lassen. Dieses hat der Präsident der Kommune; Marcello in seiner Obhut oder sie werden uns irgendwann mal eine Email schreiben, wenn sie nicht mehr auf ihrem kleinen wunderschönen Inselchen Maupihaa sind und ganz vielleicht an uns zurückdenken. Wir sind überglücklich, dass die Winde und Tiden es zugelassen haben in ihren Pass einzufahren und eine Woche mit ihnen zu leben und sich über das Leben auszutauschen.

Demnächst reisen wir weiter von Maupihaa zu unserem ebenso großen riesen Highlight 2018: Palmerston, Cook Islands, denn auch das haben wir euch aus ähnlichen Gründen bisher immer vorenthalten.

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