(Hier geht es zu Teil 6: Vanuatu 2019: Port Stanley, Wala, Vao, Luganville 06.- 17. Juli)

Ein vertrauter Anblick, Rauchschwaden steigen aus den Wäldern auf, die tiefe Bucht Loltongs liegt vor uns. MIRABELLA, unsere Schweizer Freunde waren schon ein paar Stunden zuvor angekommen und waren schon an Land. Chris, quasi unser angeheirateter Schwager, der Kommunikator des Dorfes Loltong hier im Norden Pentecosts, mit dem ich immer über Facebook Messenger Kontakt gehalten hatte, sah uns schon in der Ferne. Vor dem Nakamal (Gemeindehaus) waren viele viele Menschen, wir machten uns schnell landfein und stiegen ins Dingi. Am Strand erwartete uns ein riesen Empfang; locker 30 Kinder rennen uns entgegen; ein Lächeln größer als das andere und sie rufen die Namen unserer Kinder ‚Mia, Noah, Noah, Liiiiino‘. Motu; Mias größte Freundin aus dem Dorf strahlte uns an. Amina und Jael, die Mädels vom Schweizer Boot freuten sich ebenfalls riesig und gemeinsam hatten sie viele Spieltage an Land und sogar eine Übernachtungsparty in ihrer selbstgebauten Hütte in unserem Salon auf ZIG ZAG.

Wie schön wieder hier zu sein, was eine Begrüßung. ‚Welcome home‘ sagte Derek, der Georg im letzten Jahr als seinen Bruder und damit uns als Familie adoptiert hatte. Chris begrüßt uns mit einem großartigen liebevollen Lächeln, weiße Zähne blitzten uns entgegen. Er trägt ein leicht durchlöchertes Shirt…wir fragen ihn, ob wir zu den Hochzeitszeremonien spezielle Kleidung anziehen sollten ‚Nö – like this…just normal‘. Ok – super. Die Zeremonie war bereits begonnen; wir sahen überall Red Mats. Mats mats and more mats…die meterlangen rot/lila geflochtenen Matten war wie Geld für die Familien. Es gab drei Hochzeitspaare. Zu sehen waren nur die Herren; 3 Typen standen nebeneinander mit ebenfalls teils durchlöcherten Shirts und langen Hosen und hielten eine Matte nach der anderen über ihren Kopf, diejenigen, die diese geschenkt hatten liefen drei Mal um sie herum und unterzeichneten somit den Brauch. Überall saßen Frauen mit großen geflochtenen Korbtaschen, in denen noch mehr rote Matten zusammengelegt waren…

Es waren Berge von Matten, die die Männer sich gemeinsam nacheinander über den Kopf hielten und die Geber drehten ihre Kreise. Stundenlang. Scheinbar hatten wir den zugegebenermaßen wahrscheinlich interessanteren Schlangentanz leider schon verpasst. Männer überlebten, Schlange nicht.

Das ganze Dorf beziehungsweise auch Menschen aus den umliegenden Dörfern war da, saßen und standen beim Geschehen, Kinder rasten überall rum und egal wo wir hinschauten, jemand schaute uns mit einem tiefen Blick an und begrüßte uns in einer ganz vertrauten Art und Weise. Wir fühlten uns sehr Willkommen und es hatte etwas ‚von nach Hause kommen‘ hier in Loltong. Für uns war es schwerer sich an alle Namen zu erinnern, doch wir waren ganz stolz, wenn wir wieder jemanden erkannten und dann auch noch den dazugehörigen Namen wussten. Doch es waren so viele Menschen.

Die Brautpaare waren: Diana und Moses vom Dorf Nebenan. Claire Rose und Makdonald von oben vom Berg und Loes und Peter Simon aus dem Nachbardorf, dass man nur mit dem Boot erreichen konnte. Alle Dörfer hatten bereits seit Wochen Kava geerntet und für das riesen Event vorbereitet. Pentecost ist DIE Kava Anbau Insel in Vanuatu. Sie exportieren die Wurzeln auch im großen Stil nach China und trotzdem: es wird ihnen nicht möglich sein alles wegzutrinken, da waren sie sich sicher!

Am nächsten Tag stand das ‚Ladies abholen‘ auf dem Programm. Wir begleiteten einen Teil der Gemeinde ins nahegelegene Nachbardorf, um Diana abzuholen. Offensichtlich war es Brauch, dass sich die Leute mit gefärbten Lapplapp Banana (das Nationalgericht Vanuatus, eine Art zähe Paste, die in diesem Fall aus Kochbananen hergestellt war und dann in Kokosnusscreme gebacken wurde) einschmierten; insbesondere die Haare klebten und leuchteten in allen denkbaren Farben. Groß im Rennen war auch das beschmieren mit Schlamm und das übergießen von Eimern mit Wasser. Andere hatten Blumen im Haar und sahen ein wenig so aus als würden sie zu einer Karnevalsparty gehen, das ganze Schauspiel hatte in der Tat etwas von Altweiber, denn die verrückten Frauen machten sich auch immer wieder über ein paar Männer her und überschütteten sie mit Wassereimern oder beschmierten sie ebenfalls mit Laplap. Wir schauten uns das alles mit viel Geduld an und irgendwann war es soweit; ein paar Frauen näherten sich dem Haus von Diana und die Braut kam unter einer Matte laufend hinaus, vor ihr lief eine Freundin, die gesamte Familie mit Hausstand folgte ihr auf den Dorfplatz. Alle trugen irgendetwas; Eimer, Besen, Matratze, Decken, Schüsseln, Töpfe, mehrere Koffer, eine ganze Klamottentruhe wurde umgezogen. Der Brautvater steht neben der Braut, gegenüber der andere Vater mit einem Drittel des Dorfes (denn ein Drittel war den Berg hoch und das andere Drittel war die dritte Braut per Boot abholen). Mindestens 50m rote Matten werden ausgelegt. Sie werden nacheinander über den Bräutigam, heute in neuer Hose, schönem Shirt und richtigen Schuhe, gehalten und dann weggepackt… Dann bildet die Familie der Braut ein Kreis, um den wiederum von unterschiedlichen Menschen Kreise gedreht werden…alle unterzeichnen das Geschehen und so wird Diana von ihrem Heimatdorf in ihr neues Dorf zu Fuß abgeholt, umgezogen und begleitet.

In Loltong vor dem Nakamal wurden in der Zwischenzeit viele Holzpfähle in den Boden gerammt; nach und nach wurde Schweine daran festgebunden und an dem jeweils ersten Pfahl der drei Reihen; eine pro Brautpaar, steckte ein Briefumschlag mit dem Geld, dass die Männer den Eltern der Bräute zahlten. Die Beträge variierten zwischen 600 und knapp 2000 Euro. Wir rätselten über die großen Preisunterschiede; hatte es mit dem Alter oder der Schönheit der Frauen zu tun? Weder noch, es hing einzig und allein damit zusammen, was die Eltern für eine Summe aufriefen und die Herren bezahlen konnten. Die Hochzeitstage hier waren quasi Zahltage; Rote Matten, Schweine, Hühner, Geld und der materielle Umzug von jeglichem Hausstand wurden vollzogen. Nicht unbedingt eine romantische Feier, die uns in den Kopf kam als wir an eine Hochzeitsfeier dachten, aber kulturell durchaus interessant. Wir hatten für jedes Paar einen Kuchen gebacken und Georg hatte ihn mit Fondant Herzen und Puderzucker dekoriert; das war wahrscheinlich das romantischste des Tages.

Am nächsten Tag hatte ich Geburtstag und ich freute mich meinen Geburtstagskuchen mit den lieben Menschen in Loltong zu teilen. Einen Tag später hatte Chris Geburtstag. Wir hatten eine Eventkette und insgesamt verbrachten wir 13 Tage in Loltong. Wir feierten Hochzeiten, Geburtstage, Familienzusammenführung, Vanuatu Kindertag, besuchten eine Schule im Nachbardorf, freuten uns immer über frisches Brot von der Schwiegermutter, schlachteten ein Hühnchen zusammen, fütterten die Hühner gemeinsam und genossen das einfache Leben und die Freundlichkeit der Menschen in Loltong. Großartig war die Initiative von MIRABELLA, in Person Andre und Eva Maria eine Schaukel zu bauen. Ein Holzbrett, ein langes Seil und ein paar Ankerglieder; etwas Sägen, klettern, messen und ein paar Knoten und Loltong hatte eine megatolle Schaukel direkt am Wasser. Groß und Klein liebte sie und sie war IMMER besetzt, wenn man hinschaute. Interessant war insbesondere auch der Kindertag. Alle halfen bei der Vorbereitung und es war wirklich ein Ehrentag. Jemand hatte Spiele und Tänze organisiert, alle hatten etwas zu essen zubereitet. Alle Kinder, inklusive unsere, stellten sich in eine lange Reihe auf. Es gab Ansprachen und alle wurde per Handschlag oder Umarmung von allen Eltern gratuliert und sie bekamen kleine Geschenke einen neuen Plastikteller zu essen, ein paar Kekse, Kaugummis und Blümchen. Traditionell wurden sie mit Babypuder bepulvert und alle hatten ein großes Strahlen in ihren Gesichtern. Netterweise hatten Ashley und Nandia auch für unsere Kinder Blumen gepflückt und Plätzchen gekauft. Wir wussten ja von nix…aber wir steuerten einen Kuchen bei. Insgesamt backten wir während unseres Aufenthaltes 5 Kuchen und Muffins; zwei zur Hochzeit, einen für Chris, einen für meinen Geburtstag und einen für einen Geburtstag, der nur im Facebook Profil existierte;-) Ich hatte unsere super Stifte mit an Land genommen und so verwandelten wir die vielen fröhlichen Gesichter in Schmetterling, Supermänner und Bad Männer. Zum krönenden Abschluss verbrachten wir noch den Nationalfeiertag Vanuatus mit unserer Loltong Gang in Laone. Und dafür backten wir Muffins, die das Rote Kreuz verkaufte. Die Unabhängigkeitserklärung Vanuatus wurde am 30. Juli 1980 unterzeichnet und 29 Jahre später unterschrieben 22 neue Crew Mitglieder feierlich die ZIG ZAG Crewliste. Denn wir motorten mit 20 Kindern und 2 Erwachsenen rüber zu den Festivitäten nach Laone. Mit an Bord; Derek (Georgs Bruder) und einer der Dorfältesten, der vor 29 Jahren als Student den Namen VANUATU in einer Arbeitsgruppe mit bedacht hatte; Vanua bedeutet Land und tu meint zwei; ein Land aus Zweien = Vanuatu. Wir hatten also quasi einen der Namensgeber des Landes im Cockpit sitzen. Es war großartig wie er sich rausgeputzt hatte mit Krawatte, Stoffhose, Hemd, Flagge und Anstecknadeln. Der Nationalfeiertag selber bestand hauptsächlich aus Fußballspielen. Alle trafen sich in Laone, nahmen irgendwo rund um einen Fußballplatz platz. Rundherum gab es Fressbuden (nein, ‚leider‘ nicht so wie bei uns;-) Reis, Lapplapp, Reis mit Hühnchen (hauptsächlich Knochen), frische Trink(kokos)nüsse und wir sahen viele Nationalflaggen und den ein oder anderen in den Nationalfarben geschminkten Ni-Van.

Eigentlich hatten wir gesagt, dass wir bei Dunkelheit nicht alle Bewohner Loltongs wieder zurück transportieren möchten, doch irgendwie ergab es sich, dass für die Rückreise nicht früh genug gesorgt wurde und in ihrer Not beschlossen wir sie doch wieder zurück zu fahren. Wir hatten unseren Track und kannten die Bucht; wir baten allerdings darum ein paar weniger Kinder und ein paar mehr Erwachsene an Bord zu haben. Das war auch gut so, denn so seefest sie alle auf der Hinreise waren, schlug Müdigkeit und die eine oder andere Übelkeit auf der Rückreise bei Dunkelheit doch durch. Doch wir müssen schon sagen, alle hielten sich an die Regeln und waren super Crew für eine solche Überfahrt.

Am nächsten Morgen war es dann Zeit Abschied zu nehmen und das tat weh. Wirklich weh. Uns kullerten die Tränen. Wir hatten sie so lieb gewonnen hier im Dorf. Ashley (Chris Frau) und Nandia (Dereks Frau) hatten jeweils ein traditionelles Kleid für mich als Abschiedsgeschenk zusammengelegt und ich freute mich ihnen auch ein paar Erinnerungen wie eine Decke, Schmuck und Shirts zu schenken. Es fiel mir schwer mich von meinen Ni-Van Schwestern zu verabschieden. Beim letzten Mal war es so einfach gewesen, da ich wusste wir würden zurückkehren, doch diesmal?! Diesmal war es zumindest fast sicher, dass wir nicht mit ZIG ZAG im nächsten Jahr wieder vor ihrem wundervollen Dorf ankern würden. Vielleicht würden wir uns nie wiedersehen können. Doch ich war so dankbar diese Freundschaft geschlossen haben zu können. Ich wünsche Loltong ein langes Leben. Die Atmosphäre und insbesondere die Kinder im Dorf sind einfach einzigartig und es wäre toll zu sehen, wie sie und das ganze Dorf sich entwickeln. Wer weiß, vielleicht schaffen wir es ja noch einmal in unser absolutes Lieblingsdorf in Vanuatu. Unser Herz schlägt für Loltong! Big time!

Sehr glücklich sind wir über die Möglichkeit via Facebook in Kontakt zu bleiben. Das Dorf wurde während des Zyklons Anfang April heftig getroffen. Was waren wir glücklich zu hören, dass keiner zu Schaden gekommen ist. Hütten wurden weggespült, viele durchspült, viele Korallen, Bäume und Geäst wurde an Land und der Dorfstrand weggespült. Doch sie sind wohlauf und kriegen das wieder hin. Sie essen noch viel Reis, da ihre Gärten mit Taro, Yams und Islandcabbage; was sie eigentlich alle täglich essen, sind zerstört.

Nächste Woche geht es weiter mit Teil 8.

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