(Hier geht es zu Vanuatu 2019, Teil 3: Eromango, Efate – Port Vila und Epi 17.- 27. Junii)

Eine Nacht hatten wir in Ambrym; in Ranon verbracht welches wir schon 2018 besucht hatten. Am nächsten Morgen hopsten wir rüber nach Wali, dem Heimatdorf von Micheline und gleichzeitig dem Dorf, in dem das Land Diving stattfinden sollte. Ankern war dort allerdings an diesem Tag nicht möglich; ein Anlanden mit dem Dingi vollkommen ausgeschlossen. Wir drehten wieder um und fanden einen sicheren Platz etwas weiter südlich in der Home Bay. Der Wellengang vor Anker war wie auf Hoher See, doch der Anker hielt und wir beobachteten fleißig den Wind und das Wetter, dass sich ganz langsam während des Tages beruhigte.

Da der Opa von Micheline, Luke Fargo, das Turmspringen jährlich initiiert, hatten wir einen guten Draht zu allen notwendigen Infos. Wir hatten ein wenig Zweifel, ob das Springen bei diesem miserablen Wetter stattfinden kann, doch die Einheimischen waren sich einig, dass morgen die Sonne scheinen würde. Wir waren gespannt. Zumindest legte sich der Wellengang und wir konnten am nächsten Morgen früh umankern, direkt vor das Dorf Wali. Dort wollten wir an Land zunächst einmal Michelins Familie besuchen. Micheline wohnte ja inzwischen bei ihrer Großtante in Luganville, das wussten wir. Ganz traurig waren wir allerdings Anita, Michelines Schwester, nicht anzutreffen. Anita hatte inzwischen die Schule gewechselt und wohnte jetzt ein paar Dörfer weiter. Das wussten wir nicht. Ihr Vater Heston, Stiefmutter Melanie, ihre Brüder und ihre so liebevolle Tante Eileen und Onkel John trafen wir in Wali an und endlich lernten wir auch Luke, den Opa, persönlich kennen. Im letzten Jahr hatten wir uns immer verpasst. Und Lololina durften wir auch kennenlernen: Johns kleine Tochter, die wenige Wochen nach unserem Besuch im Jahr zuvor geboren wurde.

Es war kein strahlender Sonnenschein, doch die Locals hatten recht, es war keine Weltuntergangsstimmung mehr wie nur einen Tag zuvor. Heute sollte es tatsächlich wahr werden. Wir hatten es geschafft und waren pünktlich zum Land Diving in Pentecost angereist. Es war der letzte Samstag im Juni, der letzte Sprungtag. Später im Jahr würden die Lianen zu trocken und spröde werden und reißen.

Wir hatten gehofft, uns hier auch wieder mit MIRABELLA, Schweizer Boot mit dem wir gemeinsam in Neukaledonien waren, zu vereinen. Sie hatten Port Vila aber aufgrund des Wetters nicht rechtzeitig verlassen können, da mussten wir uns noch etwas auf unser Wiedersehen gedulden.

Neben uns ankern am frühen Morgen noch 4 andere Yachten, deren Crews ebenfalls gespannt auf das heutige Event warteten. Alle waren selig, dass das Wetter sich ausgeregnet und gewindet hatte.

Wir hatten drei Missionen in Wali. 1. Familie von Michelin und das Dorf besuchen. 2. Land Diving Zeugen werden 3. Mit einem Bruder von Michelin zur Blutabnahme gehen. Wir wurden freudig an Land begrüßt, insbesondere von Heston und Melanie, dann aber auch von Tante Eileen und Onkel John und vielen vielen Kindern! Wir verbrachten eine gute Zeit mit ihnen rund um das Land Diving Event, kochten zusammen, tauschten uns über das Leben aus und auch hier freuten sie sich sehr über Kleider aus unseren Verschenkesäcken. Wir schauten ihnen bei ihrer Kava Herstellung zu (hier ganz ohne Kauen und Rotzen) und Georg übernahm kurz Hestons Job und verkaufte ein paar Kavabecher an der Hauptstrasse; ein besserer Feldweg, von Wali. Er tauchte eine aufgeschnittenen Plastik Wasserflasche in einen großen Crackereimer, der gefüllt war mit einigen Litern Brackwasser, sorry, feinstem Kava und goss diese in die von den ‚Kunden‘ halben mitgebrachten Kokosnussschalen. Kommen wir nun aber zu DEM Event:

Land Diving, Landtauchen

Land Diving, Landtauchen. Das Turmspringen der mutigen Männer. Und, wie wir später feststellten, auch der jungen Burschen. Beim Land Diving hüpfen männliche Teilnehmer nur mit Lianen an den Füßen gesichert von einem Holzgerüst. Einem recht hohen Holzgerüst. Einem Holzgerüst, welches wackelig anmutet und dies durchaus auch ist. Einem Holzgerüst, bei dem man, wenn man von ihm runterspringen würde, etwas Beweisen würde. Man würde beweisen, dass man von hohen Holzgerüsten springen kann. Und dass man völlig plem plem in der Birne sein muss. Das würde der interessierte Laie zumindest vermuten, der das ganze beindruckende Sammelsurium an Sicherungsmaßnahmen nicht kennt, die zu den geringen Todesfällen pro Sprung sorgen (pro Sprung maximal ein Todesfall). Schauen wir uns diese Sicherungsmaßnahmen doch einmal genauer an:

Lianen:  Die Lianen sind offensichtlich an Turm und Springer befestigt. Um einen ungesunden Aufschlag auf die Erde zu vermeiden müssen die Lianen jung und frisch sein. Dadurch recken und strecken sie sich ein wenig und bremsen den Fall des Hüpfers langsamer als sagen wir mal mit einem 9 mm Stahlseil. Um eine Größenordnung zu bekommen: Die Lianen recken sich während einer der halben Sekunde des Einruckens um einen halben bis einen dreiviertel Meter. Ein Stahlseil gleicher Dicke würde sich gar nicht recken und dafür auch keine Zeit verwenden. Stahlseile werden deswegen zum Turmspringen nicht genutzt. Die Lianen werden an ihren unteren Enden, da wo der Springer festgeknotet wird, am Abend vor dem Sprung ausgefasert. Dadurch schmiegt sich der Knotenteil sanft an die Knöchel des Mutigen, die Kraft beim „Aufschlag“ ein wenig verteilend und reißt ihm nicht schon alleine durch Schneidwirkung der Liane die Füße von den Beinen.  Vorm Beginn des Springens sind eine Menge Lianen vorbereitet. Für jeden Springer mit zwei gesunden Beinen Eine. Pro Bein.

Der Turm: Um von wo hoch runterzuhüpfen braucht man auch eine Erhöhung. Schon Wochen vor dem Springen wird rund um eine Palme ein Holzturm errichtet. Frauen dürfen beim Turmbau nicht zugegen sein, angeblich wegen der bösen Geister und so. Ich persönlich glaube, dass die Männer einfach nur nicht wollen, dass die Frauen dabei zusehen wie sie mal wieder einen der Längsträger falsch herum einbauen und dabei mächtig fluchen müssen. Und sie wollen in Ruhe zwei Wochen lang Kava trinken. Frische Lianen verbinden die Gerüstteile. Knapp unterhalb der Turmspitze schaffen lange Seile in mehrere Richtungen solide Verbindungen mit größeren Bäumen. Ein an diesem Turm festgebundener Springer, der auch tatsächlich springt, sorgt beim Einrucken in das Seil dafür, dass der gesamte Turm in sich federnd gestaucht wird, genau in der Art wie eine Autofederung sich verändert, wenn man mit Karacho über den Dackel des Nachbarn fährt. Außerdem nehmen die nur lose vorgespannten Spannseile die vorwärts gerichtete Kraft des Springers auf indem sie sich „langsam“ spannen und in Richtung der großen Bäume ableiten. Der Turm kann bis 35 Meter hoch aufragen.

Gesprungen wird nicht einfach vom Turmrand sondern von der Wippe: mehrere Meter lange Holzstangen sind parallel zusammengesetzt, ein Brett bildend. Eine Seite davon ist an einer Achse am Turm befestigt. Die andere Brettseite ragt gerade über den Turmrand hinaus, an ihrem Ende sind die Sprunglianen befestigt. Nach oben gedrückt wird diese Seite der Planke durch drei Bambusstangen. Diese sind so berechnet das …..Stop. Berechnet ist da natürlich nix. Bis hierher ist nicht auch nur ein Stückchen Metall verbaut. Oder komplizierte Zahlen zu Papier gebracht, das theoretische Wissen der technischen Mechanik abgefragt. Nein.  Alles nur Holz, Lianen, Männerkraft, Erfahrung und, sehr sehr viel Kava, höchst wahrscheinlich. Na gut, also die Bambusstangen sind so ausgesucht, dass sie gemeinsam im Trio das Gewicht des Springers halten während er über das Brett schreitet. Sobald er dann springt, MUSS direkt nach dem Absprung von einem Helfer eine der drei Stangen mit einer Machete weggeschlagen werden. Die restlichen zwei Stangen brechen dann planmäßig in sich zusammen in dem Moment, da die Lianen stramm werden während die Wippe schräg nach unten kippt. Dabei nehmen sie ein kleines bisschen der kinetischen Energie auf, die der Springer auf seinem Weg erdwärts angesammelt hat und wandeln sie in thermische Energie und jede Menge Holzsplitter um. Ähnliches kann man zu Hause nacherleben, wenn man mit seinem Auto kräftig gegen eine stabile Wand fährt: Wenn sich die Stoßstange verbogen hat kann man sicher sein, dass nicht die eigene Nase zur Knautschzone geworden ist. Für Holzsplitter kann im Eigenversuch selber gesorgt werden, zum Beispiel in dem man mit Sägespänen um sich wirft.

Der Springer selber ist ebenfalls ausgerüstet mit Eigenschaften und Fähigkeiten, die die Wahrscheinlichkeit des Überlebens während des Sprungs erhöhen. Zum einen werden nur die Schlankeren Applikanten überhaupt zugelassen. 50 kg Lebendmasse bremsen sich leichter ab als 80 kg.
Eine nette Eigenschaft bringt der menschliche Körper von Haus aus mit: Wenn hingebungsvoll und ruckartig an den Füßen gezogen wird reckt sich besagter Körper um einige Zentimeter. Diese Eigenschaft sorgt, wenn auch nur minimal dafür, dass der (meist) wichtigere Kopf einer kleineren Bremswirkung ausgesetzt ist als die Füße. Oder anders herum:  Man bekommt Clownsfüße bevor man ein langes Gesicht machen kann.
Springer falten kurz vorm Sprung die Hände. Dies geschieht nicht zum Gebet, auch wenn dies einer der wenigen Momente wäre, wo ein kleines inbrünstig-göttliches Zwiegespräch bei geschlossenen Augen sicherlich nicht schadet (Gebete schaden nie, außer, man glaubt daran dass sie helfen oder man ist z.B. wie oben beschrieben betend im Auto unterwegs und öffnet die Augen erst sobald man den Gegenverkehr erreicht). Die gefalteten Hände legt sich der Springer unters Kinn, die Fingerknöchel zeigen in Richtung Hals. Der Effekt entspricht dem Anlegen einer Halskrause: Man bekommt weniger Schütteltrauma oder so.  Die nächste Technik des Springers ist, dass er vom Turm wegspringt, also in Richtung des wahrhaft geschockten Publikums. Dadurch kommt die Liane aufgrund der entstehenden Pendelwirkung bereits etwas früher unter Spannung als wenn gerade nach unten gesprungen würde. Eine frühe Lianenspannung ist wünschenswert, da dadurch die Zeitmenge wächst in der diese Spannung aufgebaut und gleichzeitig die Fallenergie des Springers abgebaut wird. 

Der Sprungturm ist an einem Hang errichtet. Gesprungen wird hangabwärts. Die Landezone besteht aus weichem, aufgelockertem Boden. Die Bodenfluffigkeit wird nach jedem Sprung mit der Machete überprüft und, wenn nötig, akribisch wieder hergestellt. Laufen über diesen Boden fällt schwer, man sinkt bei jedem Schritt Waden- bis Knietief in den weichen Humus und wird dadurch, richtig, gebremst. Diese Eigenschaft des Bodens weiß ein jeder Springer zu schätzen, der sagen wir mal mit gebrochener Liane ins Ziel kommt. Der Bremseffekt entspricht sicherlich dem der dicken blauen schweißbefleckten Matten wie wir sie aus einer Turnhalle kennen.

Unerlässlich, um Menschen dazu zu bringen, freiwillig von einem 30 Meter hohen Gerüst zu hüpfen ist nicht nur die Physik und deren Anwendung durch aufwendige Vorbereitungen an Liane, Turm, Springer und Hang. Es braucht eine Geschichte, eine Rahmenhandlung, ein größeres Etwas. Das Land Diving in Wali, Pentecost, Vanuatu ist offenbar auf familiäre Komplikationen zurückzuführen und geht der Legende nach so: Ein Mann hatte Beef mit seiner Frau. Er hatte sie sogar geschlagen. In ihrer Not klettert die Frau auf einen Baum. Der Mann in seinem Groll verfolgt sie hoch hinauf bis in die Baumkrone. Panisch springt die Frau vom Baum. Ein bisschen unlogisch, aber man kann es sich fast denken: der Mann springt hinterher. Die Frau aber hatte sich, listig, listig, heimlich mit einer Liane am Baum angebunden. Einen blitzekurzen Moment erfährt sie volle Genugtuung während ihr Mann an ihr vorbeirast, natürlich in den sicheren Tod. Der letzte Gedanke des Mannes wird gewesen sein, Junge Junge, jetzt hat mich meine Frau aber gefoppt. Kurzes Platschgeräusch, Legende fertig.

Dann gibt es auch noch die Geschichte, der zufolge Land Diving als Spiel, Mutprobe und großer Spaß unter Männern erfunden wurde. Vergleichbares kommt in den Sinn wer folgende fünf Wörter phantasievoll in logischen Zusammenhang bringt: Männer, Grillabend, Bier, Berg, Bobbycar. Der Ni-Van ihr Bier ist Kava, die Kausalkette sähe so aus: Männer, Feuer, Kava, Baum, Liane. Also man darf getrost ein Bild vor Augen haben, wie ein junger Ni-Van sich in seinem urwaldigen Dorf Kava-stocktrunken zum allerersten Mal Lianen um die Füße bindet, umringt von seinen vor Lachen nach Luft schnappenden Brüdern und von einem kleinen Baum hüpft. Ist das vielleicht die wahre Entstehungsgeschichte des Land Divings? Oder doch das missglückte Wettklettern zwischen Mann und Frau? Schreibt uns in die Kommentare was du denkst!

Jetzt wurde es aber ernst: Wir wollten endlich waghalsige Spektakel sehen. Mit den Crews der anderen Boote, vielleicht 20 Personen, erklimmen wir an diesem sonnigen Morgen den vom tagelangen Regen sumpfigen und triefenden Berghang. Umgesägte Palmstämme dienen auf einer Freifläche als Sitzbänke. Die Bühne bildet der Hang mit dem Sprungturm. Eine Rede des Chiefs, Luke Fargo  (in gewagter Tracht: außer einem den Penis bedeckenden Köcher und ein paar Farnen im Haar ist Monsieur nackelig) eröffnet das letzte Turmspringen in dieser Saison am letzten Samstag im Juni 2019. Luke erklärt, dass er das Land Diving als junger Mann in den 60er und 70er Jahren unter anderem in der Oper in Sydney, Australien, vorgestellt hat. Laut einigen Berichten ist auf diese Weise das moderne Bungeejumping entstanden. Der erste Springer ist gleichzeitig der Jüngste: Michelines 8 Jahre alter Bruder Gideon. Oben auf dem Hügel haben sich mittlerweile die Frauen zum Tanzen aufgestellt, eine jede etwas mehr bekleidet als ihr Chief. Heißt, sie haben jede ein Strohröckchen an. Eine trägt einen Sonnenschirm. Es wird gesungen, stampfend getanzt, geklatscht. Der Turm hat mehrere Stockwerke. Gideon klettert auf die unterste Planke, es ist sein erster Sprung überhaupt. Ermutigende Zurufe von den Männern, die im Turm mit ihm stehen sowie in der Landezone warten. Die Frauen sehen Dynamik als Mittel der Wahl und werden lauter im Gesang und schneller im Tanz. Die Männer klatschen mit. Gideon geht auf der Planke nach vorne. Vorsichtig. Die Planke ist schmal, wackelig. Der Turm schwankt im Wind. Er schluckt, hört die Zurufe. Faltet die Hände und legt sie unters Kinn. Schaut an der Planke entlang zurück und wieder nach vorne. Nach unten. Und schnell wieder nach oben. Schließt die Augen. Die Frauen singen mindestens eindringlich, das Publikum hält den Atem an. Gideon kippt langsam nach vorne, kleine Aufschreie gehen durch die Menge. Er fliegt, der Körper dreht sich in der Luft mit dem Kopf nach vorne und unten. Auf dem Turm hat ein Helfer den richtigen Moment abgepasst und die dritte Stütze weggeschlagen. Gideon ruckt in die Liane ein, die Bambusstangen zersplittern, die Wippe wippt herunter, der Turm staucht sich ein wenig zusammen, schwankt nach vorne. Die Pendelbewegung Richtung Hang beginnt und wird mit dem überraschend sanften Aufprall des Oberkörpers in die weiche Erde recht schnell wieder beendet. Erwachsene springen zu Hilfe, checken, alles ok, dann kann er losgeschnitten werden, er hängt schließlich noch an der Liane in einem Meter Höhe wie ein Fabrikhuhn mit kurzer Lebenserwartung. Riesen Applaus. Das Gesicht Gideons zeigt eine Mischung aus grundsätzlich geängstigt und geschockt, gleichzeitig erfreut und stolz. Adrenalin, Endorphin, all das gute Zeugs gab‘s heute für den Kleinen im Übermaß.

Danach sind die größeren Jungs dran, 11-, 12-, 13-jährige. Bei Einem entsteht der Schockmoment berechtigt als der fluffige Boden wirklich mal genutzt wird: Bei ihm reißt erst die eine, dann die andere Liane. Der Aufprall erscheint trotz butterzarten Bodens unglaublich hart, das Geräusch könnte man nachmachen indem man einen Mehlsack auf frischen Teer haut. Die Singgruppe bricht ab, es ist alles Familie hier, die Mutter des Springers schaut leidenschaftlich besorgt. John, der Wächter des fluffig-weichen Bodens rast und rutscht die paar Meter den Hang zu dem Springer runter. Der liegt benommen auf dem Boden, an den Knöcheln die durchgerissenen Lianenreste. Schnappt ein bisschen nach Luft, guckt benommen. John hilft ihm auf, er wankt noch ein bisschen, humpelt dann aber unter großem Applaus und sicherlich auch einigen Schmerzen den Hang rauf, außer Sicht der Zuschauer.

Weiter geht’s mit den Erwachsenen, die von höheren Stockwerken springen während die Fotoapparate klicken und die Drohnen fliegen. Dies war eine akustische Begleiterscheinung des Springens: Jedes Boot hatte mindestens eine Drohne mitgebracht, sodass einmal sogar bis zu fünf Quadrocopter gleichzeitig in der Luft gezählt werden konnten. Zu Zusammenstößen kam es nicht. Zumindest nicht zwischen zwei Drohnen. Ähmm. Räusper. Also, wie soll ich es sagen….. Ich habe unsere Drohne in die Turmspitze geflogen. Fotogierig wie man so ist……. Mir fehlen die Worte. Ich versuch‘s mal: Ich wollte unbedingt einen Springer während des Sprungs von oben filmen. Genau von oben. Meine Drohne war schön über dem Turm positioniert. Noch ein weeeeenig näher ran, das würde den Springer schön rausbringen. Ich träumte bereits von tollen Youtube Videos. Er bereitete sich bereits vor auf seiner Plattform, der zweithöchsten. Noch näher ran, der Turm soll auch drauf, von oben. Leichter Wind lässt das Fluggerät schwanken, in alle Richtungen. Ich habe die Finger gar nicht an den Steuerknüppeln als ein grässliches Geräusch die normalen Geräusche des morgendlichen Urwald zerschneidet: Rotorblätter knallen mit ca. tausend Umdrehungen pro Minute gegen einen besonders hohen Tragarm des Sprungturms. Das Livebild auf meinem Tablet kippt in eine Richtung weg,  Warnungen zu gewissen Problemen der Fluglage rasen über den Bildschirm. Das Bild wird schwarz. Ich höre Drohnenteile den Turm runterprasseln, schließe die Augen. Trottel. Ich. Nur ich. Sogar Doppeltrottel: Die unpassendste Stelle, an der man in Vanuatu eine Drohne crashen kann, ist der heilige Land Diving Sprungturm auf gesegnetem Boden. Nur unpassender wäre vielleicht ein Kreissaal. Und der unpassendste Moment ist während der letzten, höchsten, Sprünge. Im Kreissaal wäre das der Moment, wo es rundgeht. Du meine Güte! Natürlich schäme ich mich nicht nur in Grund und Boden darüber, das größte vorstellbare Sakrileg überhaupt hier in Vanuatu gebrochen zu haben, sondern betrauere auch ein wenig ein recht teures Fluggerät. Die Ni-Van sind die ersten, die mich trösten, dabei hätten sie allen Grund gehabt mich zu verdammen. Eine aus 30 Metern Höhe abstürzende Drohne ist nicht ganz ungefährlich. Statt Ermahnungen macht sich die gesamte Sippschaft daran, die Einzelteile einzusammeln. Die Batterie konnte ich bereits in der Landezone (fluffig-flauschig gelockerter Erdboden, du weißt noch?!) sehen. Die Kameraeinheit war vom Fluggerät abgerissen. Die Drohne selber, genauer ihr jämmerlicher Rest, hatte sich in großer Höhe in den Sprungturm verhakt und die zerstörerische Reise nach unten erst gar nicht angetreten.
Später werde ich feststellen, dass folgende 3 Schäden zu beheben sind: Rotorblätter (alle gebrochen und zersplittert), komplette Kameraeinheit (Drehratensensor ist fehlerhaft), Ego (vollständig am Boden und zerstört). Ich gehe nach dem Springen zu jedem Teilnehmer und entschuldige mich mehrmals und ausführlich.

Nach diesem kleinen und höchst unbedeutenden Zwischenfall geht das Springen weiter, mit einer Drohne weniger, dafür mit den höchsten Sprüngen. Den Abschluss bildet der Sprung von der höchsten Etage in ca. 25 Metern. Der Springer konzentriert sich lange, tastet sich auf seiner Planke in Sprungposition. Er hat ein Bündel Stroh dabei, die er rituell oder um der Legende zu huldigen oder um die Zuschauer zu erschrecken von oben runterwirft. Wir schauen dem herunterfallenden Stroh zu. Erschreckend lange. Im Vakuum wäre das Stroh 2,5 Sekunden unterwegs, bei dem heutigen etwas konventionelleren Luftdruck dauert es natürlich länger, vielleicht 7 oder 8 Sekunden, die wie eine Ewigkeit wirken und die Nerven der Zuschauer schwer beeindrucken. Die Tanz-/Singgruppe gibt alles, die anderen Männer, von oben bis unten auf dem Sprungturm verteilt, singen mit. Der Springer nimmt extrem vorsichtig auch die zweite Hand vom Turm, er steht jetzt frei auf seinem Absprungbrett. Beide Hände gehen nach vorne und in die Höhe, er schließt die Augen. Möchte springen, überlegt es sich und zuckt zurück. Die Augen bleiben geschlossen. Nochmal schwankt er. Die Chöre im Hintergrund schwellen weiter an, es singt und stampft wie nie zuvor. Man kann der Entscheidung loszulassen, es zu tun, sich zu trauen beim Entstehen zusehen. Hier ist ein Mann der sich überwinden muss, der wahrscheinlich eher schwierig zurückziehen kann, der Springen möchte und auch wird. Dann gibt er sich einen kurzen innerlichen Schubs, er beginnt seinen langen Fall, die beiden Lianen hinter sich herziehend. Ein weiter und langer Sprung, ein wenig ballistisch kann man sagen, so kunstvoll gelingt der Absprung. Man sieht den Wind an seiner Kleidung zerren, Penisköcher, Farnzweige, die Geschwindigkeit nimmt weiterhin zu. 9,81 m/  beträgt die Beschleunigung, das bedeutet, pro Sekunde Flugzeit wird der Springer um 9,81m/s schneller, das sind 35,3 km/h . Bei dieser Höhe benötigt er mehr als zwei Sekunden und beendet seinen Flug mit unglaublichen 80 km/h. Der letzte Flug der diesjährigen Land Diving Saison 2019 wird ein wunderschöner: Das Rauschen des Windes in der Kleidung hat seinen Höhepunkt gerade erreicht als die Lianen stramm werden und die komplette Riege ausgefuchster physikalischer Tricks die Phase des Bremsens schmerzfrei und nicht zu spät gestalten. Die Spannung fällt von allen Beteiligten ab, es wird wieder gescherzt und gelacht. Nun lädt Heston uns ein den Turm zu besteigen und bietet auch einem schlanken Segler an zu springen. Er lehnt ab, denn er hatte gehört, dass die Springer zur eigenen Sicherheit, früher drei Monate und heute mindestens noch eine Woche vor dem Sprung von ihren Frauen getrennt nächtigen müssen, wegen den bösen Geistern, die die Weiblichkeit hervorruft. Sehr beeindruckend von diesem Turm so in die Tiefe zu schauen, interessant die Schwingungen des Bauwerks am eigenen Laib zu spüren. Langsam und bedächtig klettern wir hinab und steigen stolz dabei gewesen zu sein gemeinsam den Hügel hinab zurück ins Dorf.

Wir besiegelten das Event mit einer Banane für die Kinder und einem Kava für Georg.

Wie zu Beginn bereits erwähnt, hatten wir noch eine kleiner andere Mission hier im Dorf. Wir wollten gerne von einem Bruder von Micheline eine Blutprobe bekommen, diese sollte dann mit einer Blutentnahme von Micheline in Deutschland in einem Genlabor näher untersucht werden. Die dafür notwendige Hardware; den Behälter fürs Blut hatten wir in Port Vila besorgt und Bradley war willig sich pieksen zu lassen. Bei der Gelegenheit baten wir Georgina, Verantwortliche in der Krankenstation, auch Lino gleich eine notwendige Impfung zu geben (yes, auch die hatten wir aus unserem Kühlschrank mitgenommen). Mit ZIG ZAG fuhren wir dann wieder zurück nach Wali und wir begannen unsere Verabschiedungsrunde. Wir besuchten auch Luke noch einmal, brachten Lololina ein paar Kleinigkeiten und waren ganz traurig, dass wir uns von Eileen und einigen anderen größeren Mädchen nicht persönlich verabschieden konnten, da sie für ein paar Tage hoch in die Gärten gegangen waren. Schon am ersten Tag ließ Heston Gideon und Bradley, zwei von Michelines Brüdern, ein Hühnchen für uns fangen und rupfen. Melanie war so nett und nahm es für uns aus und wir kochten eine Hühnersuppe für alle draus. Melanie hatte LappLapp gebacken, Reis und Hühnchen gekocht und so saßen wir vor ihrer Hütte und speisten bei einem kleinen Feuerchen, während die Bradley und unsere Kids Freundschaft schlossen. Als wir uns von John und seiner Familie verabschiedeten bekam Noah ein Stückchen gekochten Vogel mit Kralle…war ganz praktisch zum Festhalten. Noah knabberte ihn so begeistert ab, dass John ihm den nächsten Vogel versprach. So geschah es, dass als wir am nächsten Morgen ankerauf gehen wollten, John mit einem gerupften Vogel in der Hand an Land stand. Was ein Abschied…also noch einmal an Land. Wir baten ihn Krallen, Kopf und Innereien hier an Land zu lassen und kochten später eine Vogelsuppe, was auch immer es war, die Suppe schmeckte köstlich;-) Noah ist heute noch, Monate später stolz darauf, dass er einmal einen Vogel geschenkt bekommen hat.

Hier geht es weiter zu Vanuatu 2019, Teil 5: Port Sandwich, Malekula 02.-06. Juli

2 Replies to “Vanuatu 2019, Teil 4: Pentecost, Wali 28. Juni – 02. Juli”

  1. Angelika pferdmenges says:

    Da stockt einem ja der Atem. Das Turmgebilde sieht furchterregend aus. Gibt es wirklich Tote dabei? Das mit dem Hühnchen mit Kralle für Noah muss man mögen.

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    1. Georg Pferdmenges says:

      Den einzigen bekannten Toten gab es 1974 während des Springens in Anwesenheit der Queen. Es wurde zur falschen Jahreszeit gesprungen, die Lianen waren zu spröde…… 🇻🇺👍

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